Erst die Arbeit. Dann das Vergnügen. Und später das Hörgerät!


Foto: TechCocktail (CC BY-SA 2.0) benötigte Lesezeit: 9 Minuten, 1 Tabelle

Work hard, party harder!

Du hast einen verdammt harten und langen Arbeitstag hinter dir! Du hast für deine Kunden Lösungen erarbeitet, von denen sie nie im Leben geträumt hätten. Du hast für deinen Chef Hürden aus dem Weg geräumt, an denen er ohne deine Hilfe verzweifelt wäre. Du hast einfach alle Erwartungen übertroffen. Und du willst diesen tollen Tag jetzt mit Freunden und Kollegen feiern. Deshalb verabredest du dich mit ihnen in deinem Lieblingsclub, um dieses Glücksgefühl bei coolen Drinks und guter Musik zu teilen. Jetzt oder nie!

Härtetest für deine Stimmbänder

Die Stimmung in deinem Lieblingsclub ist phänomenal gut. Der Alkohol fließt in Strömen. Der DJ versetzt die tanzende Menge mit lauten Beats in einen Trance-Zustand. An eine gemütliche Unterhaltung ist nicht zu denken. Deine Freunde und Kollegen müssen dich deshalb laut anschreien, damit du überhaupt nur die Hälfte ihrer Botschaften mitbekommst.

Der Barkeeper … der auch noch meterweit hinter der Theke steht … versteht aufgrund der hohen Lautstärke ebenfalls keine deiner verzweifelten Getränkebestellungen. Zur Freude deiner Stimmbänder entdeckst du die Zeichensprache und bekommst endlich einen Drink, den du leider nicht haben wolltest … und dazu auch nicht gut verträgst.

Was kümmert es dich?! Es ist schon ziemlich spät geworden und die Musik ist jetzt noch lauter als zuvor. Die Müdigkeit nagt an dir wie ein hungriges Eichhörnchen. Du leerst den widerlichen Drink, verabschiedest dich mit einem Wink von deinen Freunden und Kollegen … hören können sie dich sowieso nicht … schnappst dir ein Taxi nach Hause und landest Minuten später in deinem gemütlich Bett. Morgen ist auch ein Tag!

Miese Musik im Ohr

Am nächsten Morgen holt dich dein Wecker mit seinem schrillen Ton aus dem Schlaf. Irgendetwas ist anders. Die Party ist schon seit Stunden vorbei, aber in deinen Ohren „fiept“ es noch immer. Das Geräusch erinnert dich an eine Mischung aus Meeresrauschen und Feueralarm unter einer Käseglocke. Du hast das Gefühl, dass dein Trommelfell jeden Moment platzt.

Deine eigenen Therapieversuche in Form einer eiskalten Dusche zeigen keine Wirkung. Genauso wenig wie das Auf- und Zuhalten der Ohren mit den Handflächen.

Was soll‘s! Wird schon heilen!

Böse Überraschung

Zwei Tage später fiept es noch immer deinen Ohren. Du kannst dich weder auf deine Arbeit, noch auf deine Freizeitaktivitäten konzentrieren. Nach einem Busch bei deinem HNO-Arzt erfährst du, dass du deine Ohren vermutlich über längere Zeit einer viel zu hohen Lautstärke ausgesetzt und sie dadurch überstrapaziert hast … Vermutlich?! Wenn dein HNO-Arzt nur wüsste, dass die Lautsprecherboxen in deinem Lieblingsclub ohne Weiteres bis zu 100 Dezibel ausgespuckt haben … und das die ganze Party über!

Unternehmen sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihren Angestellten Gehörschutz schon ab einem Schallpegel von unter 90 Dezibel bereitzustellen. Ab diesem Wert sind die Ohren extrem gefährdet. Hier ein paar Werte mit plastischen Beispielen zum Vergleich. Beachte dabei, dass je nach Abstand zur Geräuschquelle, die Dezibelzahl höher oder niedriger ausfallen kann:

  • 10 Dezibel – leises Atmen
  • 20 Dezibel – leises Ticken einer Armbanduhr
  • 30 Dezibel – Flüstern
  • 40 Dezibel – Geräuschkulisse in einer ruhigen Wohnstraße
  • 50 Dezibel – normal laute Unterhaltung zwischen zwei Menschen
  • 60 Dezibel – Bürolärm
  • 70 Dezibel – Rasenmäher
  • 80 Dezibel – Lastwagenmotor
  • 90 Dezibel – Presslufthammer
  • 100 Dezibel – Lautsprecher in einem Club
  • 110 Dezibel – Rockkonzert
  • 120 Dezibel – Flugzeugtriebwerk
  • 130 Dezibel – Schmerzschwelle

Dein Arzt beruhigt dich sanftmütig. In der Regel gehe das Fiepen nach wenigen Tagen vorbei und es blieben nur geringe Schädigungen des Hörvermögens zurück. Nur in Extremfällen würde das Fiepen zu einem ständigen Begleiter mit größeren Einschränkungen des Hörvermögens werden … Ein lebenslanges Fiepen im Ohr?! Hoffentlich nicht!

Zum Schluss verrät dir dein HNO-Arzt auch, dass Hörschäden irreparabel sind … Na wunderbar! Noch ein paar mal im einem Club abrocken und dann kannst du dir gleich ein Hörgerät bestellen … Tolle Vorstellung!

Wer mitdenkt, ist klar im Vorteil

Du bist jedoch der schädlichen Lautstärke in einem Club oder auf einer Party nicht hilflos ausgeliefert.

Lärmschutz im Vergleich

Beachte folgende Tipp, damit du auch noch im hohen Alter ohne ein Hörgerät auskommst:

05. Heimlösung

Wenn du in einem Club oder auf einer Party merkst, dass dir die Musik zu lauft wird und du keine Möglichkeit hast, deine Ohren zu schützen, … dann packe deine sieben Sachen und geh nach Hause. Jede weitere Minute, die du in einer lauten Umgebung verbringst, ist pures Gift für deine Ohren.

Der Konsum von Alkohol führt zusätzlich dazu, dass du die gefährliche Lautstärke für deine Ohren weiter unterschätzt. Je später der Abend, desto lauter drehen einige DJs auch ihre Lautsprecher auf.

Das Ergebnis ist ein noch stärkeres Fiepen am nächsten Morgen … und an darauffolgenden Tagen. Denke immer daran, dass Gehörschäden irreparabel sind. Es gibt kein „Zurück“ für dich!

04. Papierlösung

Du kannst es nicht sein lassen und willst unbedingt noch etwas länger in deinem Lieblingsclub oder auf einer Party bleiben. Dann schnapp dir eine Papierserviette, ein Papierküchentuch oder im schlimmsten Fall etwas Klo-Papier … forme das Papier zu zwei Kaffeebohnen großen Kugeln und stopfe sie dir behutsam in deinen Gehörgang.

Der Tragekomfort und das Klangerelbnis sind optimierungsbedürftig. Der Schutz ist mehr als miserabel, da du damit nur ca. 5 Dezibel abschirmst. Dafür ist die Notlösung kaum zu sehen und absolut kostenlos!

03. Wattelösung

Du hast das große Glück, auf einer lauten Party oder in einem Club an etwas Watte ranzukommen. Frag notfalls eine Freundin, ob sie Wattepads zum Abschminken dabei hat oder bring selbst welche mit. Diese passen in jede Tasche und fallen kaum auf.

Forme die Watte ebenfalls zu zwei Kaffeebohnen großen Kugeln und steck dir diese vorsichtig in deinen Gehörgang.

Der Tragekomfort und das Klangerlebnis lassen ebenfalls zu wünschen übrig. Der Lärmschutz ist mit bis zu 10 Dezibel Abschirmleistung etwas höher als beim Papier, aber noch immer relativ schwach. Dafür ist diese Lösung verhältnismäßig unauffällig und preislich unschlagbar günstig.

02. Schaumstofflösung

Du bist vorbildlich und hast bereits vor dem „Clubbing“ daran gedacht, Schaumstoffstöpsel für deine Ohren einzupacken. In einigen Club werden diese auf Nachfrage sogar kostenlos an der Theke ausgeteilt … Frag einfach beim nächsten Mal danach.

Die Schaumstoffstöpsel bieten dir nicht nur einen hören Tragekomfort als die Papier- und Wattelösung, sondern auch einen relativ hohen Lärmschutz mit bis zu 30 Dezibel Abschirmleistung.

Problematisch ist dagegen, dass die Schaumstoffstöpsel aufgrund ihrer Größe oder Farbe extrem auffällig sein können, die Musikklänge nahezu komplett verschlucken und nicht ganz umsonst zu haben sind.

01. Silikonlösung

Mit Silikonstöpseln reihst du dich unter die „Clubbing-Profis“ ein.

Dieser Ohrenschutz ist zwar nicht besonders günstig, dafür stimmen der hohe Tragekomfort, die geringe Aufälligkeit und der relativ hohe Lärmschutz mit bis zu 20 Dezibel Abschirmleistung.

Die Krönung ist jedoch, dass die Silikonstöpseln den Musikklang nur geringfügig verzehren und es dir ermöglichen, deiner Umgebung weiterhin mühelos zuzuhören und dich mit ihr zu verständigen.

Außerdem sorgt ein Lüftungssystem dafür, dass dein Ohr beim Tanzen nicht so leicht ins Schwitzen kommt wie z.B. bei der Papier-, Watte- oder Schaumstofflösung.

Schutzmaßnahmen

Womit schützt du deine Ohren in überlauten Clubs? Was bietet dir den höchsten Tragekomfort, ist besonders unauffällig, gewährt ein tolles Klangerlebnis, schütz deine Ohren besonders effektiv und hat einen angemessenen Preis?

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7 Responses to “Erst die Arbeit. Dann das Vergnügen. Und später das Hörgerät!”

  1. CyBa Juli 13, 2011 at 2:02 am #

    Interessantes, mich ebenfalls des längeren beschäftigendes Thema! Leider muss ich gestehen, bisher immer ohne Gehörschutz unterwegs zu sein..

    Das Problem ist auch, dass ich ja genau wegen der lauten Musik ~50€ Eintritt für Partys bezahle. Dort ist es ja dann nicht einfach nur laut, da bebt alles so das leere Getränkedosen oder Plastikbecher mit dem Bass weghüpfen :-O
    Aber ich liebe es :)

    Naja und irgendwie will man halt auch nicht der erste im Freundeskreis sein, geh´ ja auch nicht mit Knieschonern auf die Tanzfläche.

    Aber irgendwann garnichts mehr hören zu können oder ein dauer-piepsen gesendet zu bekommen ist definitiv eine grausige Vorstellung. Wenn es uns dann aber alle trifft, malen wir als Opas halt auf Ipad-Artigen Geräten oder was auch immer es dann gibt und verzichten einfach aufs gegenseitige anschreien.

    Protect your ears!

    • Alexander Juli 13, 2011 at 9:49 pm #

      Klasse Gedankengänge … jedoch gruselige Vorstellung mit den nichtsprechenden iPad-Opis. Hoffe, dass wir davon verschont bleiben :-)

      Gebe dir grundsätzlich Recht! Es gibt Momente im Leben, in denen der Spaß definitiv vorgehen sollte … aber nur, solange wir uns dafür bewußt entscheiden! Habe oft den Verdacht, dass sich nicht alle Clubber, die gerne laut Musik hören, über die Folgen bewusst sind.

      Das Fiepen in unseren Ohren ist meist nach wenigen Tagen vorbei. Den Schaden, den unsere Ohren durch zu hohe Lautstärke davontragen, bleibt uns leider ein Leben lang erhalten :-(

      Meine Motivation war es deshalb, auf die Unwiderbringlichkeit des verlorenen Hörvermögens aufmerksam zu machen … und was wir dafür tun können, um länger Spaß am Hören zu haben … auch als iPad-Opis 😉

    • iPad-Opa Juli 16, 2011 at 4:53 pm #

      Nicht der erste mit Ohrstöpseln aber der erste mit Hörschaden? Von mir aus gerne.

      • Alexander Juli 16, 2011 at 5:21 pm #

        Die Ohrstöpselträger in den Clubs sind inzwischen keine Rarität mehr. Schau dir, wenn du das nächste Mal in einem Club bist, die Ohren der Gäste an. Bei etlichen ist die Botschaft längst angekommen … es sind aber noch immer viel zu wenige 😉

  2. Dave September 5, 2011 at 5:04 pm #

    Ergänzung zum PAPIER-Tipp:

    a) Papiertaschentuch nehmen
    b) einen ca 1.5 x 5 cm großen Streifen abreißen
    c) an der schmalen Kante locker aufrollen
    d) Lutschen! Die Hälfte des Papierröllchens mit Spucke benässen.
    e) Mit der feuchten Seite nach innen in den Gehörgang.

    Ich hab damit mehrere Festivals, einen Roboterkrieg-Event und ein Melvins-Konzert problemlos überstanden.

    • Alexander Oktober 8, 2011 at 5:59 pm #

      @Dave: Danke für den pragmatischen Tipp 😉

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