Vom Kaffeejunkie zum Vielflieger in 4 Wochen


Foto: Alexander Witt, benötigte Lesezeit: 8 Minuten

5 Tassen Kaffee pro Tag

Es ist ein verregneter Novembermorgen in Frankfurt.

Auf der Schaufensterscheibe liefern sich zwei Wassertropfen ein spannendes Wettrennen in die Tiefe.

Ein Meer von Menschen mit aufgespannten Regenschirmen zieht zügig an mir vorbei.

Ich beobachte das Schauspiel aus einer gemütlich warmen Starbucksfiliale. Im Hintergrund ertönt sanfte Jazzmusik. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee füllt den Raum.

Ich nippe genüsslich an meinem Latte Macchiato. Mein erster Kaffee nach einer dreimonatigen Pause.

Kaum zu glauben. Davor trank ich im Durchschnitt 5 Tassen Kaffee pro Tag.

Hauptsächlich in Cafés, aus den Kaffeeautomaten auf der Arbeit oder daheim aus meiner Nespresso-Maschine.

Kaffeejunkie

Meine Ausgaben für die braune Brühe summierten sich dementsprechend auf knapp 150 Euro pro Monat.

Im Jahr gab ich für Kaffee einen stolzen Betrag von rund 1.800 Euro aus … Genug Geld, um einmal die Welt oder 10 Mal kreuz und quer durch Europa zu fliegen.

Ich muss schmunzeln.

Zum Glück sind meine Zeiten als Kaffeejunkie vorbei. Das Experiment „Kaffeeentzug“ war ein Erfolg … Auch wenn es am Anfang nicht ganz danach aussah.

Zur Belohnung gönne ich mir jetzt einen Flug nach Barcelona.

Das nächstes Ziel ist bereits in Planung. Auf dem Tisch vor mir liegt ein Reiseführer für Stockholm.

Warnung!

Falls du vom Kaffee (noch) abhängig bist und vorhast, das Experiment nachzuahmen, werden dir dein starker Wille und die Aussicht auf eine Belohnung allein garantiert nicht weiterhelfen.

Du brauchst eine klar strukturierte Anleitung und bewährte Tipps, um in möglichst kurzer Zeit nennenswerte Erfolge erzielen, nachhalten und ausgiebig genießen zu können.

Halte dir stets vor Augen, dass ein Kaffeeentzug kein lockeres Kaffeekränzchen ist, sondern ein langwieriger und schmerzhafter Prozess.

Lass dich deshalb bei gesundheitlichen Einschränkungen vor dem Beginn des Experiments unbedingt von einem Arzt beraten.

Ansonsten wünsche ich dir viel Erfolg … Vielleicht sehen wir uns schon bald in Barcelona oder in Stockholm.

Hier ist meine Anleitung, um deiner Kaffeesucht ein Ende zu bereiten:

06. Problembewusstsein schaffen

Exzessiver Kaffeekonsum weist bei einem gesunden Menschen … sofern mir bekannt … keine gravierenden Probleme auf.

Schlaflosigkeit, Mundgeruch und Zahnverfärbungen vernachlässige ich an dieser Stelle bewusst.

Ein großes Problem aus meiner Sicht sind jedoch die relativ hohen Kosten, … sofern du deinen Kaffee, wie z.B. in meinem Fall, häufig extern beziehen musst.

Mach dir deshalb zunächst die Höhe deiner monatlichen bzw. jährlichen Kaffeeausgaben bewusst. Quantifiziere dein Problem, um es für dich greifbar zu machen. Sonst kämpfst du am Ende nur gegen ein unsichtbares Phantom.

Arbeite mit Durchschnittswerten und konzentriere dich auf das Wesentliche, um dich bei deinen Berechnungen nicht zu verzetteln.

Hier ist das Beispiel für meine persönliche Kaffeebilanz:

  • Kaffeevergnügen in Cafés: 16 Kaffee pro Monat x 3 Euro = 48 Euro
  • Kaffeeautomaten auf der Arbeit: 80 Kaffee pro Monat x 1 Euro = 80 Euro
  • Kaffeegenuss daheim (Nespresso): 50 Kaffee pro Monat x 0,4 Euro = 20 Euro

In Summe 148 Euro pro Monat bzw. 1.776 Euro pro Jahr … Sei nicht überrascht, wenn deine Ausgaben für Kaffee höher als meine liegen. Ich bilde definitiv nicht die Benchmark.

05. Belohnung bestimmen

Bestimme danach eine Belohnung, die du dir vom eingesparten Geldbetrag gönnen willst.

Geld sparen macht mehr Spaß, wenn du weißt, wofür du es eines Tages ausgeben wirst. Du brauchst ein klares Ziel.

Ich habe mich beispielsweise dafür entschiednen, fremde Städte mit dem Flieger zu entdecken, weil ich mir nichts Schöneres vorstellen kann als zu reisen. Bei dir kann es komplett etwas anderes sein. Habe den Mut, deine wahre Leidenschaft zu entdecken, anstatt einer fremden Leidenschaft hinterher zu eifern.

Bedenke jedoch, dass du für deine Belohnung nicht die gesamten Kaffeeausgaben verplanen kannst. Schließlich wirst du aller Wahrscheinlichkeit nach, z.B. in einem Café, auf Alternativen wie Wasser oder Tee zurückgreifen, die ebenfalls Geld kosten.

Ich persönlich habe beschlossen, den Kaffeeautomaten auf der Arbeit aus dem Weg zu gehen und auf den Kaffeegenuss daheim komplett zu verzichten. Koffeinhaltige Ersatzgetränke wie z.B. Cola oder Energy Drinks sind ebenfalls verboten.

Das ergibt ein Einsparpotential von monatlich 100 Euro bzw. jährlich 1.200 Euro … Noch immer genug Geld, um ein paar Tausend Flugmeilen zu sammeln.

Den Rest des Geldes verpulvere ich für Alternativgetränke … und manchmal sogar auch für Kaffee. Den Grund dafür erfährst du weiter unten.

Falls du Schwierigkeiten hast, deinem Kaffeeverlangen zu widerstehen, dann nutze diesen einfachen Trick, um dich immer wieder an deine Belohnung zu erinnern:

  • Steck den monatlich oder besser jährlich eingesparten Geldbetrag in kleinen Scheinen in eine Kaffeetasse.
  • Lege daneben etwas, was du mit deiner Belohnung bzw. Ziel in Verbindung bringst (z.B. Reiseführer für Stockholm).
  • Schieß davon ein Foto.
  • Drucke das Foto mindestens drei Mal aus.
  • Verteile die Ausdrucke an Orten, die dich ständig daran erinnern, deinem Kaffeeverlangen nachzugehen (z.B. in deiner Küche neben der Kaffeemaschine oder auf deinem Schreibtisch im Büro).

Das Foto von meiner 1.200-Euro-Kaffeetasse und dem Reiseführer für Stockholm habe ich beispielsweise gut sichtbar in meinem Portemonnaie platziert.

04. Fortschritt messen

Das Bewusstsein für dein Problem und die in Aussicht gestellte Belohnung allein garantiert dir jedoch noch lange keinen nachhaltigen Erfolg.

Du musst deinen Fortschritt regelmäßig messen, um festzustellen, ob du noch auf dem Weg zu deinem Ziel bist.

Halte jedoch deinen Messaufwand so gering wie möglich, um die Messung deines Fortschritts möglichst reibungslos in deinen Alltag integrieren zu können.

Du kannst dazu auf folgende bewährte Messmethoden zurückgreifen:

  • Klassische Strichliste: Jedes Mal, wenn du der Kaffeeversuchung widerstehst, machst du in einem Notizblock, den du immer bei dir führst, einen Strich. Je mehr Striche du am Ende des Tages machst, desto besser.
  • Smartphone-Kamera: Analog der Strichliste machst du jedes Mal, wenn du der Kaffeeversuchung widerstehst, ein Foto, z.B. von deiner Kaffeemaschine zuhause oder vom Café, in dem du statt Kaffee eine Apfelschorle bestellt kannst. Je mehr Fotos du am Ende des Tages schießt, desto besser.

Wenn du mutig bzw. extrovertiert genug bist, kannst du deine Strichliste bzw. die Fotos auch gerne auf Facebook oder via Twitter posten, um deinen Fortschritt offiziell zu dokumentieren.

Falls dir die oben dargestellten Methoden zu aufwendig bzw. zu technisch sind, füttere deine Kaffeetasse wie ein Sparschwein einmal täglich (z.B. abends) mit dem eingesparten Kaffeegeld. Je mehr Euros du am Ende des Tages sammelst, desto besser.

03. Sich auf eine Wette einlassen

Die ganze Zeit im Alleingang Striche, Fotos oder Euros sammeln kann auf Dauer ziemlich langweilig sein.

Außerdem besteht die Gefahr, dass du dich selbst beschummelst.

An diesem Punkt wird es deshalb höchste Zeit, deine Freunde oder Bekannte in deine Pläne einzuweihen und dich mit ihnen auf eine Wette einzulassen. Du kannst ihnen z.B. versprechen, sie jedes Mal mit einem Euro oder einem Bier zu beglücken, wenn du es nicht schaffst, deiner Kaffeesucht zu widerstehen.

Im Fokus der Wette steht jedoch nicht das Gewinnen, sondern das Verlieren. Auch wenn es auf den ersten Blick kontraintuitiv klingt.

Denn nichts wird dich in deinem Leben stärker motivieren, z.B. auf einen Kaffee zu verzichten, als der mögliche Verlust deiner Einsätze an Dritte.

Vertraue mir. Auch kleinere Geldbeträge können ordentlich weh tun, wenn du ggü. deinen Freunden oder Bekannten immer wieder eingestehen musst, dass du versagt hast.

02. Kleine Schritte machen

Spiel nicht den Helden. Geh deinen Kaffeeentzug in kleinen Schritten an.

Ich habe den Fehler gemacht, meinen Kaffeekonsum von heute auf morgen zu stoppen.

Das war rückblickend betrachtet keine gute Entscheidung.

Die Folge waren klassische Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeitserscheinungen und Konzentrationsschwierigkeiten, die zu allem Übel auch noch zwei Wochen lang angehalten haben.

Halte dich deshalb an folgende Regeln, um dir unnötige schmerzhafte Erfahrungen zu ersparen:

  • Reduziere in der ersten Woche deinen täglichen Kaffeekonsum um exakt eine Tasse. Verzichte in der zweiten Woche auf eine weitere Tasse Kaffee pro Tag … Fahre nach dem gleichen Muster solange fort, bis du dich vom Kaffee komplett befreit hast. Bei anfänglich 5 Tassen Kaffee pro Tag hast du deine Kaffeesucht spätestens nach 4 Wochen komplett besiegt.
  • Trinke insbesondere am Anfang viel Wasser. Mindestens 2-3 Liter pro Tag. Du brauchst kein Edelwasser vom Getränkefachhändler. Leitungswasser reicht vollkommen aus. Auf meinem Schreibtisch steht immer ein Glas oder eine Flasche Wasser, um mich daran zu erinnern, mehr Wasser zu trinken.
  • Sorge bei plötzlich auftretendem Kaffeeverlangen für Ablenkung, z.B. durch Musik, einen Spaziergang oder Sport.

Falls bei dir dennoch Entzugserscheinungen auftreten, dann greife zur Abhilfe auf grünen Tee zurück. Gönne dir aber maximal eine Tasse pro Tag, denn sonst belässt du alles beim Alten. Teein im grünen Tee und Koffein im Kaffee sind nämlich chemisch betrachtet völlig identisch. Der Unterschied liegt in der Art der Wirkung. Grüner Tee wirkt sanft über einen längeren Zeitraum verteil. Der Kaffee dagegen entfaltet seine Wirkung schlagartig in einer deutlich kürzeren Zeitspanne.

01. Sich einen Ausnahmetag gönnen

Bei allem Respekt für deine Selbstdisziplin, aber du bist keine gefühllose Maschine, die Tag ein, Tag aus alles perfekt nach Plan ausführen und dabei alle Regeln einhalten kann.

Du bist ein Mensch mit allen seinen Stärken und Schwächen, der gelegentlich auch von seinen eisernen Zielen abweicht.

Akzeptiere diese Anomalie und lass sie in deinem Leben bewusst zu.

Gönne dir jede Woche einen Ausnahmetag, an dem so viel Kaffee trinken kannst, wie du willst. Beachte dabei jedoch, dass es sich um eine Option handelt, die du nicht zwingend ausüben musst.

An allen anderen Tagen ist Kaffee für dich absolut tabu.

Wenn du den Artikel „Gewohnheiten ändern in 30 Tagen“ gelesen hast, weißt du bereits, dass mein persönlicher Ausnahmetag der Samstag ist.

Ich frage mich außerdem, ob wir wirklich ein erfülltes Leben führen, wenn wir uns dauerhaft in allem einschränken, was uns Freude bereitet, wie z.B. ein leckerer Latte Machiatto an einem verregneten Novembermorgen.

Jetzt weißt auch, wofür ich Monat für Monat noch immer kapp 50 Euro ausgebe.

Wie hast du deine Kaffeesucht besiegt?

Wie hoch sind deine monatlichen bzw. jährlichen Kaffeeausgaben? Wie hast du es geschafft, deine Abhängigkeit vom Kaffee zu bewältigen? Teile deine Erfahrungen anderen (noch) Kaffeejunkies im Kommentarfeld mit.

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7 Responses to “Vom Kaffeejunkie zum Vielflieger in 4 Wochen”

  1. Sibylle November 18, 2012 at 3:20 pm #

    aber hallo,
    so wenig Kaffee konsumierst Du aber nicht( hübsches Sümmchen an Kaffee)… Ca 5-6 Tassen Kaffee sind es auch bei mir… Siebträgermaschine ist schon was feines…
    Außerdem ist es halt Handwerk :-)
    ciao

    • Alexander Witt November 20, 2012 at 5:46 pm #

      @Sibylle: Danke für die Blumen ;-)

      Kenne in meinem privaten Umfeld jedoch auch Kaffeejunkies, die es auf 7-9 Tassen Kaffee pro Tag bringen … Wir beide sind definitiv nicht die Benchmark ;-)

      Neben der Frage nach der Anzahl an Kaffeetassen ist es meiner Meinung nach auch sehr spannend zu klären, wo wir für unseren Kaffee Geld ausgeben … Hier eine Nebenrechnung:

      2x Kaffee im Café für je 3 Euro entsprechen 15x Kaffee aus der heimischen Nespresso-Maschine … 15x Kaffee im Café machen dich jedoch auf einen Schlag um 45 Euro ärmer ;-)

  2. AndyK November 19, 2012 at 11:06 am #

    Hi, also ich liege deutlich drüber. Einmal im Jahr schaffe ich aber einen Monat ganz ohne Koffein. Die ersten Tage sind die Hölle. Nach drei Tagen brauch ich aber keine braune Brühe mehr und fühle mich schon morgens fit. Am besten am Donnerstag anfangen mit hartem Entzug und montags ist es geschafft.
    Auf den Monat gerechnet reicht das locker für nen Europaflug… Zumal ich auch den Alkohol weglasse.
    Also… Gönnt euch ne Auszeit ;-)
    Grüße aus dem Urlaub,

    PS:
    Hast Du den Artikel für mich geschrieben? Besprechen wir dann mal bei nem Kaffee, wenn ich wieder da bin ;-)

    • Alexander Witt November 21, 2012 at 8:12 am #

      @AndyK: Wenn ich mir deine Check-ins auf Foursquare anschaue, glaube ich dir das sofort ;-)

      Drei Tage ist sehr sportlich. Da scheint jemand extrem viel Selbstdisziplin zu haben … Warum fastest du (nur) einen Monat im Jahr?

      P.S.: Ich formuliere es diplomatisch: Du gehörst definitiv zu denjenigen Kaffeejunkies, die mich zu diesem Artikel inspiriert haben … Können das Thema gerne bei einem Kaffee weiter vertiefen.

      BTW, klasse Bilder aus dem Death Valley ;-)

  3. Karl Oktober 19, 2014 at 3:11 pm #

    Zu dem Thema “Koffein” kann man Seiten schreiben.
    Ich empfehle den Artikel vom Zentrum-der-Gesundheit!

    Also bei mir ist der Koffeinentzug immer eine ganz harte Nummer: Kopfschmerzen, Müdigkeit, dumpfes Gefühl im Kopf.

    Wenn ich dann mal über den Berg bin, dann wird das mit mehr Vitalität belohnt. Aber was noch wichtiger bei mir ist, ist die Ausgeglichenheit, die dann kommt.

    Jeder Mensch ist verschieden, und auf jeden wirken sich Substanzen unterschiedlich aus.

    Koffein ist die Droge Nr 1 in unserer Gesellschaft. Über all gibt es sie To-Go!

  4. Alexander Witt Oktober 26, 2014 at 10:59 pm #

    @Karl: Treffende Wortkreation “Droge To-Go” ;-)

  5. Karl Oktober 30, 2014 at 4:48 pm #

    Ich muss gestehen, mein Versuch aufzuhören ist kläglich gescheitert. Entzugserscheinungen waren dieses mal wieder ganz übel; hatte auch schon aufhören können, wo es nicht so schlimm war.

    Am Anfang des Tages war noch alles super, und ich wollte sogar noch Sport machen. Irgendwann wurde ich aber so müde, dass ich fast im Stehen eingeschlafen wäre, begleitet von einem dumpfen benebelten Gefühl im Kopf, Antriebslosigkeit, Schwermut, usw.

    Ich probiere es morgen noch mal. Ich habe vor, zu berichten….

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