Vorsicht, Muda-Falle! Oder warum du Wartezeiten nicht produktiv nutzt!


Foto: Ed Yourdon (CC BY-SA 2.0), benötigte Lesezeit: 7 Minuten

Laborbedingungen

Perfektes Zeitmanagement ist meistens nur unter Laborbedingungen möglich … also in Situationen, über die du die Kontrolle besitzt.

Sperre dich einen Tag lang in deiner Wohnung ein. Brich jeglichen Kontakt zur Außenwelt ab. Mach dich von allem unabhängig. Warte auf niemanden … Was wird passieren?

Du wirst der alleinige Herr über deine Zeit sein. Du allein wirst entscheiden, ob du in den ersten beiden Stunden ein Buch liest, im Internet surfst oder auf irgendetwas oder irgendjemand wartetest.

Kontrollverlust

Sobald du die Kontrolle an externe und von dir nicht mehr kontrollierbare Einflussfaktoren verlierst, kannst du ziemlich schnell zum unproduktiven Warten verdammt werden … beispielsweise wenn sich dein Flieger verspätet, du auf der Autobahn im Stau stecken bleibst, dein Zug im Nirgendwo liegenbleibt, die Warteschlange an der Kasse sich nur im Schneckentempo voranbewegt, deine Verabredung sich um eine halbe Ewigkeit verspätet oder du als gesetzlich Krankenversicherter mehrere Stunden im Wartezimmer deines Hausarztes absitzen musst.

Krisenmanagement

Du wirst unerwartet, unfreiwillig und vor allem unvorbereitet vom Zeitmanager zum Krisenmanager befördert … bzw. degradiert. Als Krisenmanager wird von dir erwartet, dass du deine plötzlich frei gewordenen Zeitlücken bzw. Wartezeiten schnell mit sinnvollen Tätigkeiten füllst.

Alles wird gut!

Obwohl du nur in den seltensten Fällen Laborbedingungen ausgesetzt bist … vertraust du immer wieder darauf, dass dein Zeitmanagement durch absolut gar nichts durcheinander gebracht wird. Dieser Irrglaube macht dich träge. Du bereitest dich deshalb kaum auf deine mögliche Rolle als Krisenmanager vor.

Das Ergebnis dieses Irrglaubens?! Du erstellst für dich keinen Plan B … und weißt deshalb in Wartesituationen nicht sofort, welche produktiven Aufgaben du in Angriff nehmen kannst, um deine Zeit sinnvoll zu nutzen.

Muda-Opfer

Da du keinen Plan B geschmiedet hast, wirst du auch anfälliger für sinnlose Aufgaben … z.B. herumstehen, dich aufregen, ständig auf die Uhr schauen, Werbeplakate studieren, dich von Zeitungs-Abo-Verkäufern bespaßen lassen … deiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Schließlich musst du dich mit irgendetwas beschäftigen, um vor lauter Langeweile nicht einzugehen. Aufgrund deiner Planlosigkeit wirst du während deiner Wartezeit zur sinnlosen Verschwendung deiner unwiederbringlichen Lebenszeit verführt.

Genau das ist die Muda-Falle, in die du hineingeraten kannst! Muda ist das japanische Wort für eine sinnlose Tätigkeit. Es umfasst alle deine Aufgaben, die von dir den Einsatz wertvoller Ressourcen abverlangen, dir jedoch am Ende keinen hohen Nutzen bringen.

Reales Leben ist kein Labor!

Löse dich von dem Irrglauben, deine Zeit immer im Griff haben zu können. Das reale Leben ist kein Labor!

Akzeptiere Situationen, die du nicht ganz kontrollieren kannst. Rechne immer damit, dass du auf irgendetwas oder irgendjemanden warten musst. Erarbeite dir deshalb schon im Voraus einen Plan B mit konkreten Ideen, was du in den Wartezeiten alles machen kannst, um produktiv zu sein.

Mit welchen sinnvollen Aufgaben du deine Wartezeiten füllst, hängt jedoch nicht nur von deinen Vorlieben ab, sondern auch von der Dauer der Wartezeit und den jeweiligen Umständen. Hier sind einige Vorschläge.

Ab 60 Minuten Wartezeit

15. Filmjunkie

Schau dir einen spannenden Dokumentar– oder Spielfilm an … entweder via (Live-)Stream auf deinem Internet fähigen Smartphone oder als DVD auf deinem Notebook. Denk daran, Kopfhörer, einen langlebigen Akku oder Netzkabel mitzunehmen.

30-60 Minuten Wartezeit

14. Essenszeit

Nutze Wartezeiten, um dich zu stärken! Hol dein verpasstes Frühstück nach oder zieh dein Mittags- oder Abendessen vor. Probiere an Bahnhöfen und Flughäfen Gerichte aus, die du noch nie zuvor gegessen hast.

13. Einkaufen

Investiere deine Wartezeit, um Lebensmittel oder Drogerieprodukte einzukaufen. Einkäufe dieser Art machen nicht immer Spaß und sind oft nur ein notwendiges Übel. Beste Gelegenheiten, um dafür deine Wartezeit zu opfern.

15-30 Minuten Wartezeit

12. Bücherwurm

Lies ein Buch oder eine Zeitschrift. Falls du noch auf der Suche nach einem interessanten Buch bist, dann kann ich dir folgende Liste mit meinen Lieblingsbüchern empfehlen.

11. Hörbücher

Wenn du keine Lust zum Lesen hast, dann schließe deine Augen und hör dir ein spannendes Hörbuch an.

10. Sprachgenie

Lerne eine neue Fremdsprache … oder verbessere deine vorhandenen Fremdsprachenkenntnisse! Übe Vokabeln oder arbeite die Grammatik durch.

09. Sportskanone

Gönne dir einen längeren Spaziergang, mache Dehnübungen oder nutze z.B. deinen Reisekoffer für ein unauffälliges Krafttraining.

Bis 15 Minuten Wartezeit

08. Vorbereitungsritual

Suche dir im Bücher-/Zeitschriften-Shop am Flughafen oder Hauptbahnhof interessante Bücher oder Zeitschriften für die nächste längere Wartezeit aus.

07. Emailvernichter

Beantworte deine Emails oder Anfragen in deinen sozialen Netzwerken, wie z.B. Facebook oder LinkedIn.

06. Klar Schiff machen

Räum dein Email-Post-Fach oder deinen Schreibtisch auf. Struktur und Ordnung verschaffen dir einen besseren Überblick über deine wichtigsten und dringendsten Aufgaben.

05. Networking

Nutze deine wertvolle Zeit, um zu networken. Ruf deine Freunde und Bekannten an. Erkundige dich nach ihrem Wohlbefinden und vereinbare mit ihnen ein Coffee oder Lunch Date.

04. Smalltalk

Smalltalke! Am einfachsten kommst du ins Gespräch mit Menschen, die in einer ähnlichen Lage stecken wie du, z.B. gestrandete Bahnfahrer oder Fluggäste, die auf die nächste Reisemöglichkeit warten. Starte mit einfallslosen Themen,  z.B. Wetter, und arbeite dich dann zu spannenderen Themen durch, z.B. Urlaub.

03. Ideensammler

Sammle und strukturiere Ideen und Aufgaben für dein nächstes Projekt, für deinen nächsten Urlaub, für deinen nächsten Kochabend, für das kommende Wochenende oder für einen Blogartikel wie diesen hier. Habe immer Stift und Papier dabei oder tippe deine Ideen in dein Smartphone oder Notebook ein.

02. Liebesgrüße

Schicke Liebesgrüße per SMS oder Email an einen Menschen, den du von ganzem Herzen liebst. Schreib ihr/ihm, wie sehr du sie/ihn vermisst und dich auf ein baldiges Wiedersehen mit ihr/ihm freust … denn sie können nie genug von solchen Nachrichten bekommen.

01. Fast-Track-Frage

In ganz speziellen Situationen darfst du Wartezeiten einfach nicht in Kauf nehmem  …  z.B. wenn du dir nur einen Kaugummi kaufen willst und in einer Warteschlange an der Kasse ewig warten musst, weil  sich ein paar Kunden vor dir … gefühlt (!) …  für eine 200-köpfige Geburtstagsfeier eindecken.

Frag die Vieleinkäufer vor dir in der Warteschlange, ob sie dich vorlassen können. 80% der Kunden werden deiner Bitte nachgehen. Dadurch wirst du schnell einen Teil deiner kostbaren Lebenszeit zurückgewinnen.

Du musst dich nur trauen, deine Komfortzone zu verlassen und die Fast-Track-Frage zu stellen.

Weitere kreative Vorschläge?

Fallen dir weitere Ideen ein, wie du der Muda-Falle entgehen kannst? Dann teile diese im Kommentarfeld mit.

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10 Responses to “Vorsicht, Muda-Falle! Oder warum du Wartezeiten nicht produktiv nutzt!”

  1. Olivia Ulbing August 19, 2011 at 11:43 am #

    Hallo Alexander,

    ich finde deinen Artikel toll! Wartezeiten sind echt nervig! Da ist man froh, wenn man was zu tun hat. So klein der Effekt auch ist, es ist eine Tätigkeit und die lenkt uns vom „Muda“ ab! Super Begriff dafür übrigends. Ich freue mich auf weitere Artikel und verbleibe mit freundlichen Grüßen aus Linz
    Olivia

    • Alexander Oktober 8, 2011 at 6:04 pm #

      @Olivia: Vielen Dank! Dein Lob ist die beste Motivation, weitere Blogartikel zu schreiben 😉

  2. Tanja Handl August 25, 2011 at 2:39 pm #

    Ein super Artikel. Manchmal kann man Wartezeiten einfach nicht aus dem Weg gehen, aber man kann sie sehr wohl sinnvoll nutzen. Ich habe deshalb immer ein gutes Buch eingesteckt – praktisch für alle Wartezeiten, egal wie lange auch. :)

    Liebe Grüße aus Graz,
    Tanja

  3. Alexander Oktober 8, 2011 at 6:10 pm #

    @Tanja: Welche guten Bücher kannst du – praktisch für alle Wartezeiten – empfehlen?

  4. Tanja Handl Oktober 10, 2011 at 3:42 pm #

    @Alexander: Derzeit arbeite ich mich durch das Gesamtwerk von Raoul Schrott. Ist allerdings im wahrsten Sinne des Wortes schwere Lektüre. :)

    Wenn dir nicht nach Schleppen ist und du es lieber fachlich magst: Die Kunst des klaren Denkens von Rolf Dobelli ist eine wirklich fantastische Neuerscheinung.

  5. Tanja Handl Oktober 11, 2011 at 3:34 pm #

    Gern geschehen – freut mich, dass es dir gefällt!

    Rolf Dobelli hat meiner Meinung nach einen sehr guten Stil. Er schreibt praktisch und lebendig. Das merkt man auch seinem Roman „Massimo Marini“ an.

    • Alexander Oktober 12, 2011 at 11:43 am #

      @Tanja: Rolf Dobelli scheint ebenfalls ein interessanter Typ zu sein …

      Studium der Betriebswirtschaft und Promotion an der Universität St. Gallen
      Finanzchef und CEO verschiedener Tochterfirmen des Swissair Konzerns
      Gründung von getAbstract (mittlerweile weltweit größter Anbieter von Buchzusammenfassungen)
      Schreibt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Züricher SonntagsZeitung
      Wohnt und arbeitet in Miami und Luzern

  6. U. Vranken Januar 25, 2012 at 9:49 am #

    Ich schlage vor auch mal „nichts tun“, einfach nur nachdenken, in sich gehen, den Tag, die Woche Revue passieren lassen und sich überlegen was und wer ist mir wichtig in meinem Leben. Was würde ich tun, wenn ich ab morgen gar keine Arbeit mehr hätte. Was wäre dann wichtig? Wartezeiten sind gute Kreativzeiten!

    • Alexander Januar 31, 2012 at 10:33 pm #

      @Ursula: Besten Dank für deine Anregung … wobei das für mich nicht ganz nach „nichts tun“ klingt, wenn ich mir Gedanken darüber mache, was ich tun würde, wenn ich ab morgen keine Arbeit mehr hätte 😉

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